Skitour Nikkaluokta - Abisko

Tag 4 - Nordlichtgeflüster

Wer sich auf einer Skitour mal richtig demotivieren möchte, sollte mal ein paar Schlittenhunden bei ihrer Arbeit zusehen! Nachdem ich meine Pöttchen Tee ausgeschlurft, das reichhaltige Frühstück verzehrt und das Zeltlager abgebaut habe, muss ich zunächst mal den Tjäktjapass bewältigen, an dessen Fuß ich gezeltet habe. Von weitem sieht die Geschichte gar nicht besonders schwierig aus, ein kleiner Irrtum wie sich herausstellt. Die Pulka ist einfach zu schwer bepackt, der Hang ist nicht so flach wie er von weitem aussah, und außerdem liegt der Pulverschnee tief. Ich wühle und strample wie ein Käfer auf dem Rücken liegend im Treibsand, man strengt sich an wie ein Doofer, aber eigentlich passiert nicht viel, jedenfalls nähere ich mich nicht spürbar der Passhöhe. Irgendwann bleibt kein anderer Ausweg, ich muss da zweimal hoch. Also den großen schweren Rucksack aus der Pulka genommen und diesen zuerst einzeln hochgebracht. Dann wieder abfahren und die Pulka in einem zweiten Anlauf hochschleppen… So geht es, es dauert zwar ein wenig, aber das Wetter ist schön und eigentlich ist es doch eine tolle Arbeit.

Als alles oben ist, sehe ich in der Ferne kleine Punkte, die sich schnell nähern, sehr schnell, um genau zu sein, atemberaubend schnell geradezu. Des Rätsels Lösung kommt sehr bald im Eilzugtempo an mir vorbei gehechelt – Schlittenhunde. Jetzt bin ich gespannt wie die den Steilhang runterkommen! Ah ja, ein richtiger Schlittenhund kennt keine Furcht, das hätte ich mir auch gleich denken können. Es geht geschwind bergab und zwar in der Diretissima.

Hätte ich vorher wetten müssen, hätte ich ihnen wenigstens eine Serpentine gegeben – nein so etwas gibt es bei Schlittenhunden nicht, geradeaus heißt die Devise! So, für jenen Tag bin ich mal tief beeindruckt, habe ich etwa die falsche Lebensform gewählt? Es muss irgendwie weitergehen, ein kleines Stück geht es noch weiter bergauf, in menschlichem Schneckentempo.
Irgendwann später komme ich dann doch noch oben am Tjäktjapass an, natürlich nicht so schnell wie ein Schlittenhund dort oben ankommen würde, aber immerhin.

Die Schneelage bzw. der Zustand der Schneedecke stellt sich mal wieder grundlegend um. Lag der Schnee südlich des Tjäktjapasses hoch und pulvrig, schwer zum Vorankommen, liegt er nördlich des Passes fest gepresst. Eine Wohltat, dazu geht es bergab, ich komme leichtfüßig voran. Schon bald sehe ich jemanden auf mich zukommen, und wie das so ist in dieser Gegend, wo nicht allzu viel los ist, hält man erstmal einen Plausch. Mit jedem, den man trifft, hält man einen Plausch. Wo er denn herkäme, möchte ich wissen? Der junge Skitourer ist ebenfalls allein unterwegs und kommt aus Frankreich. Es ist ein schwieriger Tag, erst dieser anstrengende Pass und jetzt noch schon reichlich vergessenen Französischkenntnissen hinterhergrübeln. Wir kriegen das irgendwie hin, er ist auf dem Weg nach Nikkloukta, geht also den umgekehrten Weg von meinem. Als wir die groben Eckdaten ausgetauscht haben, zieht jeder seiner Wege. Vorbei geht es an den Tjäktjahütten, die auf der anderen Seite eines Flusses liegen, zunehmend rasant bergab. Rasant für einen Norddeutschen wohlbemerkt, der nur wenige Tage im Winter zum Skifahren kommt. Alpenländer würden sehr garantiert wieder den Vergleich zu einer Schnecke ziehen, so wie ich mich fortbewege. Aber schließlich möchte ich ja sowieso die Landschaft genießen, muß mich hie und da auch nieder schmeißen zum Fotografieren. Es klickert ordentlich, die Sonne steht schon wieder tief, und meine heiß geliebte Schneedrift hat eingesetzt. Vor lauter gucken komme ich kaum vorwärts, irgendwann beschließe ich – hier bleibe ich, in einem wunderschönen ausgedehnten Talkessel … 

Nach dem anstrengenden Tag und nachdem ich das Zelt sturmsicher ummauert habe, bin ich an diesem Tag ganz schön müde. Gut vorbereitet auf die Tour handelt es sich jedoch eher um eine wohlige Ermattung, man weiß wovon man müde ist und was man getan hat, das ist ein sehr angenehmes Gefühl! Es ist einer der schönsten Momente am Tag, wenn ich mich nach dem Tourentag ins Zelt legen und es mir einfach gut gehen lassen kann. Ihr wisst mittlerweile, dass dann erstmal eine leckere Teezeit angesagt ist, die Kerzen brennen dann schon in der Apsis (noch kleineres Vorzelt am kleinen Zelt), es ist s..gemütlich! Ich schlummere nach der Teezeit direkt weg, ohne noch irgendetwas zu tun, einfach nur ein wenig von Nordlichtern träumen. Gegen 22.00 Uhr werde ich wieder wach, der kleine Abendhunger meldet sich. Es gibt eine Familienpackung Semmelknödel zum ohnehin täglichen Schokoladen- und Käxabendbrot – das tut gut! Irgendwann nach 23.00 Uhr gehe ich vor die Tür, schließlich stehe ich hier in sehr schöner Landschaft, und der zunehmende Mond scheint schon ganz schön hell. Ich finde, dass dies ein guter Abend ist, um mal ein Nordlicht zu sehen. Also krame ich sichterheitshalber meine Kameraapparatur zusammen und gehe in die helle Nacht. Es ist verdammt schön Draußen, kein Windzug, gaaaaanz Still. Der Schnee ist in weiter Umgebung festgepackt, so dass ich umherlaufen kann, ohne immer wieder tief in den Schnee einzubrechen. Es ist kein Nordlicht zu sehen, nur der Mond und die Stumpenkerzen im Vorzelt verbreiten ihr warmes Licht.

Eigentlich bin ich schon ohne Nordlicht ziemlich begeistert über die tolle Nacht, außerdem zufrieden, dass ich mich überwunden habe noch mal raus zu gehen und das Zelt zu fotografieren. Ich bin schon fast im Begriff wieder ins Zelt zu gehen, mich in den gemütlich warmen Schlafsack zu legen, als ein Schauspiel beginnt, bei dem wohl niemand freiwillig wieder ins Zelt gehen würde. Am Himmel gehen merkwürdige Dinge vor sich, urplötzlich bilden sich lange Cirren, erst ganz schwach, dann plötzlich immer heller werdend und grün aufleuchtend – Nordlicht! Es verschwindet wieder, um genauso schnell an anderer Stelle noch heller wieder aufzutauchen. Die Lichter entwickeln sich an verschiedenen Stellen am Himmel, zuscheln wie eine Schlange durch die Nacht, verschwinden wieder oder vereinigen sich, um dann wie eine Gardine am Himmel zu hängen. Mir laufen Schauer über den Rücken, ich stehe andächtig in der Nacht, die zwar kalt ist, aber auch wieder nicht, es ist völlig windstill. Ich fotografiere fleißig, aber ich gucke auch einfach nur. Als ich schon über zwei Stunden draußen bin, lässt die Aktivität nach, ich gehe ins Bett. Die Füße sind völlig durchgefroren und brauchen Stunden, um wieder warm zu werden, aber ich kann ohnehin nicht schlafen. Das war gut denke ich mir ...